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Ein vergessenes Schicksal und ein jahrhundertealtes Rätsel in der Brunecker Pfarrkirche

Es sind oft die unscheinbaren Funde, die uns die bewegendsten Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Ein solcher Fund wirft derzeit in Bruneck Fragen auf und schlägt eine Brücke, die über 300 Jahre zurückreicht: von einer Familie nahe Ulm bis hin zur kunsthistorisch wertvollen Pietà in unserer Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Wenn Blumenfrauen die Kirche für das Fest schmücken, richten sie ihren Blick meist auf das frische Grün. Doch vor Kurzem fiel der Blick auf etwas ganz anderes: Eine winzige, historische Taufmedaille kam ans Licht. Dort, wo die berühmte, um das Jahr 1400 in Salzburg oder Wien geschaffene Pietà steht– das ausdrucksstarke Bildnis der Gottesmutter, die um ihren verstorbenen Sohn trauert.

Und genau um ein Kind dreht sich auch das Rätsel, das die Medaille aufgibt.

Die Spur führt nach Schwaben

Der Brunecker Stadtarchivar Andreas Oberhofer hat das Fundstück unter die Lupe genommen und konnte das historische Puzzle weitgehend zusammensetzen. Die Medaille stammt aus dem Jahr 1710 und ist einem neugeborenen Mädchen namens Barbara gewidmet. Der Geburtsort: Elchingen, eine Gemeinde unweit von Ulm im heutigen Baden-Württemberg.

Doch das Glück der Eltern war vermutlich nur von kurzer Dauer. Im Taufbuch von Oberelchingen ist der Eintrag über die Geburt des Kindes mit einem kleinen Kreuz versehen, es kann sein, dass die kleine Barbara wie viele andere Kinder in dieser Zeit kurz nach ihrer Geburt verstarb.

Ein weiter Weg über die Alpen: Die Vermutung des Archivars

Wie aber gelangt eine schwäbische Taufmedaille aus dem Jahr 1710 in die Brunecker Pfarrkirche? Eine direkte Verbindung zwischen Elchingen und dem Pustertal ist historisch nicht dokumentiert. Stadtarchivar Oberhofer hat jedoch eine schlüssige und tief berührende Theorie.

Es liegt nahe, dass die Medaille im Rahmen eines Bittganges oder einer Wallfahrt nach Bruneck gebracht wurde. Im Barockzeitalter waren solche weiten Pilgerreisen zu besonderen Gnadenbildern keine Seltenheit. Die Eltern oder Verwandten könnten die Medaille als Opfergabe (ein sogenanntes Votivgeschenk) direkt zu Füßen der Pietà niedergelegt haben. Die Gottesmutter, selbst als schmerzhafte Mutter dargestellt, galt seit jeher als Zufluchtsort für Eltern, die um das Leben ihrer kranken Kinder bangten.

Möglicherweise reisten die Angehörigen nach Bruneck, um in tiefer Frömmigkeit um die Heilung der kranken Barbara zu beten. Dass das Mädchen letztlich wohl verstarb, macht die Geste der zurückgelassenen Medaille nur noch ergreifender – sie blieb als ewiges Gebet und Erinnerung im Pustertal zurück.

Ein lebendiges Stück Geschichte

Die Pietà am linken Seitenaltar, die ohnehin zu den bedeutendsten Kunstschätzen der Kirche zählt, ist durch diesen Fund um eine zutiefst menschliche Facette reicher geworden. Die kleine Barbara aus Elchingen ist zwar vor über 300 Jahren viel zu früh verstorben – durch die Aufmerksamkeit der Brunecker Blumenfrauen und die Arbeit des Stadtarchivs ist ihre Geschichte heute, im Jahr 2026, jedoch wieder lebendig geworden. Ein stummes Zeugnis von Liebe, Hoffnung und unvergessenem Schmerz, das die Zeiten überdauert hat.
Andreas Oberhofer/Julia Engl

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